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Christus - Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks?

Ein eher fragwürdiges Buch hat den Briefschreiber auf Gen 14, 18ff aufmerksam gemacht, wo der Priesterkönig Melchisedek erwähnt wird. Verschiedene Stellen des Hebräerbriefs stellen Christus als Hohenpriester nach der Ordnung Melchisedeks vor. Mehrere Fragen zielen auf einen Zugang zu einem solchen Rückgriff auf das AT.

Der Erzählzusammenhang von Gen 14, 18-20 zeigt auf, daß der verheißene Segen Gottes Abraham begleitete. Deshalb sucht der Priesterkönig von Jerusalem seine Freundschaft. Brot und Wein, womit er Abraham und seine Leute beköstigt, sind äußere Geste dafür. Im Segen, den er auf Abraham herabruft, erkennt er ihn als von Gott Gesegneten an. Durch den Lobpreis des Höchsten Gottes (den kanaanäischen El Eljon) setzt er den Gott Abrahams mit seinem eigenen Gott gleich. Abraham wiederum erkennt im Gott Melchisedeks seinen Gott, den Schöpfer von Himmel und Erde; durch die Gabe des Zehnten bestätigt er dies. Vorausgesetzt ist die Vorstellung, daß Melchisedek unbewußt Jahwe verehrt hat. Dennoch gewinnt die Begegnung auch für das Gottesbild Abrahams Bedeutung: Gottes Schöpfer-Sein spielte in seiner Gottesverehrung bis zur Begegnung mit Melchisedek kaum eine Rolle; in Vers 22, wo Abraham Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde anruft, tritt dieser Aspekt klar hervor. Glaube bleibt selbst für Abraham, den Vater des Glaubens, ein Lernprozeß.

Die Szene hat durch symbolische Deutung eine lange Wirkungsgeschichte erhalten. Das Ergebnis gleicht einer kleinen Entdeckungsreise durch die Hl. Schrift für den, der die Mühe nicht scheut, die angegeben Stellen nachzulesen!
Die erste Station liegt noch im AT. Anknüpfungspunkte sind Jerusalem, die Segnung Abrahams durch Melchisedek und die Verheißung, daß Gott diejenigen segnen wird, die Abraham segnen (Gen 12,3). Im Reich Davids erfüllen sich die Verheißungen der Vorzeit. In Psalm 110, 4 wird deshalb David (!) und seine Dynastie gepriesen: "Der Herr hat geschworen und nie wird's ihn reuen: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks".
Das frühe Christentum bediente sich derselben Methode.

Die Deutung von Psalm 110 bezog sich zur Zeit Jesu auf einen Messias, der als machtvoller König das untergegangene Reich Davids wiederherstellen werde; dieser realpolitische Sinn wird in Mt 22, 43 f zerbrochen. Der Messias wird als "der Herr" erkannt, was auf die Gottessohnschaft Jesu verweist. Der Hebräerbrief setzt die Neuinterpretation von Psalm 110 fort (vgl. Hebr 5,10; 6,20). Hebr 7,1-10 führt die Deutung Melchisedeks als Vorbild für Christus konsequent aus. In einer alttestamentlich orientierten Sprache wird dargelegt: das Priestertum Jesu ist dem levitischen Tempelpriestertum weit überlegen, es ist Merkmal der Gottessohnschaft. Das ewige Priestertum Christi nach der Ordnung Melchisedeks ersetzt die frühere Ordnung, so wie Jesu Selbsthingabe die früheren Tempelopfer überflüssig macht.

Eine noch spätere Deutung, die sich im Hebräerbrief nicht mehr niedergeschlagen hat, nimmt in den Blick, daß Melchisedek Abraham Brot und Wein gespendet hat; darin erkannte die Kirche ein alttestamentliches Vorbild der Eucharistie.

Jesus überträgt zu Beginn seines öffentlichen Wirkens ein Prophetenwort auf sich, um seine Sendung zu deuten (Jes 61, 1f; vgl. Lk 4, 16ff). Niemand findet das heute ungewöhnlich; es spricht uns an zu hören, daß Jesus gekommen ist, um den Armen eine gute Nachricht zu bringen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen. Über ein solches Wort wird nachgedacht und gepredigt. Der Bezug Christus-Melchisedek ist ein ähnlicher Versuch der Kirche, aus alttestamentlichen Glaubenswurzeln die Bedeutung Jesu Christi für uns zu erschließen. Diese Anläufe sind von großer spiritueller Tiefe und bis heute bereichernd. Das gilt erst recht dann, wenn dadurch "fremde" Seiten Jesu dem Desinteresse entrissen werden und zu einer geistlichen Betrachtung einladen.

Herr, komm unserem Tun mit deinen Eingebungen zuvor und begleite es mit deiner Hilfe, damit all unser Beten und Handeln stets von dir begonnen und durch dich vollendet wird.
Gebet nach der Schriftlesung

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