"Es ist, als ob ich Gott verpassen würde!"
Ein vielfältig geforderter Mitmensch beschreibt,
wie er von scheinbar endlosen Aufgaben und Problemen verschlungen
wird. Sein Beten verliert sich in Alltäglichkeiten. Stille
wird zur Last, Resignation gewinnt die Oberhand: "Es ist, als
ob ich Gott verpassen würde!"
Können wir Gott verpassen? Ich meine,
nein, denn er wartet auf uns. Es gibt aber wohl verpaßte Gelegenheiten.
Gott kann gewissermaßen an den Rand unseres Lebens geraten;
von dort aus ruft er sich uns zwar in Erinnerung, aber er verschafft
sich nicht gewaltsam den ihm angemessenen Platz in der Mitte unseres
Menschseins. Wir können ihn überhören, wenn er zu
uns spricht; denn er schreit und lärmt nicht. Wir können
Gelegenheiten versäumen, ihn besser kennenzulernen und darin
spirituell zu wachsen; z.B. indem wir alle möglichen Kontakte
und Gespräche pflegen, aber auf Gott hin sprachlos bleiben.
Oder wenn wir unseren spirituellen Hunger überspielen und nur
unsere Reserven verbrauchen, statt unserem geistlichen Leben mit
seinem Wort und Sakrament neue Kraft einzuverleiben. Solche "verpaßten
Gelegenheiten" können sehr vielgestaltig sein und hängen
stark von den persönlichen Gegebenheiten ab. Sie wahrzunehmen,
ist der wichtigste Schritt.
Mein geistlicher Rat lautet, entsprechende Erfahrungen
in einer ruhigen halben Stunde einzusammeln.
Niemand sollte es am Mut mangeln, aus solchen
Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen. Wir tun dies unermüdlich
in allen Lebensbereichen, warum also nicht im Bereich des geistlichen
Lebens, der alle anderen durchdringt. Beim Versuch dazu kann allerdings
das Problem entstehen, das der Brief wiederspiegelt: der erhoffte
Erfolg bleibt aus. Das ist aber kein Grund zu resignieren, sondern
sollte zu einem neuen Anlauf herausfordern.
Was bedeutet es, wenn "das Gebet in Alltäglichkeiten
versickert"? Ich versuche zu beten und finde mich statt dessen
z.B. beim Nachdenken über Begegnungen und Probleme oder beim
Planen. Der Grund ist einfach: die "Gebetspause" wird
häufig die erste stille Minute seit langem sein, in der ich
mich mit dieser oder jener Erfahrung überhaupt auseinandersetzen
kann. An dieser Stelle hören viele auf, vielleicht sogar erschrocken
über sich selbst. Dabei versickert das Beten überhaupt
nicht, an genau diesem Punkt beginnt es! Der Beter in den Psalmen
breitet ausgiebig sein Leben aus: Enttäuschung, Hoffnung, Angst,
Gottesgewißheit, Gottesverlassenheit, Bedrängnisse, Vertrauen
und vieles mehr. Wir dürfen von ihm lernen, daß das bereits
Gebet ist. Nur sollten wir wie der Psalmbeter versuchen, Gott an
all dem Anteil zu geben. Das geschieht, indem man diese Gedanken
nicht vor sich, sondern vor Gott ausbreitet. Unsere Frage sollte
also nicht lauten: Was tue ich jetzt? oder Wie löse ich das
Problem? Wir öffnen unsere alltäglichen Probleme für
Gott, wenn wir fragen: Was würdest Du tun? Warum schweigst
Du? Oder wenn wir sagen: Löse Du das Problem! Der Unterschied
zwischen "versickern" und "vertiefen" ist unscheinbar,
nämlich "Ich" oder "Du" zu sagen.
Das Wort "Streß" ist ein alltäglicher
Stoßseufzer, aber wenn der "Streß" ausbleibt,
scheint nicht wenigen etwas zu fehlen. Beides ist Ausdruck gegenwärtigen
Lebensgefühls. Es zu ändern, liegt nicht in der Macht
eines Einzelnen. Aber was wir ändern können, sollten wir
tun, nämlich die vielen täglichen Anforderungen sich auslaufen
zu lassen, wie eine Welle sich am Strand ausläuft. Dazu braucht
sie nur kurze Zeit und einige wenige Meter. Spirituell gesehen heißt
diese Zeit "Stille", die wenigen Meter heißen "Raum
für Gott", beides gehört zusammen. Was viele Menschen
vermissen, ist im Grunde eine regelmäßige Viertelstunde
mit Gott. Sie sollte nicht gefüllt werden, auch nicht mit Gebeten.
Sie soll frei bleiben für Gott, damit er sie füllen kann.
Biblisch ausgedrückt ist das eine der möglichen Antworten
auf den Ruf in der Wüste: "Bereitet dem Herrn den Weg!"
Einzig auf den Menschen hört Gott.
Einzig dem Menschen zeigt sich Gott.
Menschenfreundlich ist Gott;
und wo auch immer der Mensch ist - Gott ist da.
Aus der "Philokalia"
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