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"Macht der Gewohnheit?"

In einem Brief lese ich von sehr tiefen Gebetserfahrungen. Sie schenken Freude und Mut, eine Frucht des Gebetes, die leicht übersehen wird. Anlaß zur Frage ist die Beobachtung, daß es dabei nicht bleibt. Das Beten erstarrt gleichermaßen und wird dann als fragwürdige "Macht der Gewohnheit" empfunden.

"Gebet" ist im Grunde nicht das Aussprechen von Worten, sondern eine für Christen unverzichtbare Grundhaltung. Gebet ist die Weise, wie sich der Mensch für Gott offen halten kann. Im Beten wird etwas von Gottes Größe, seinem Willen, seinen Verheißungen in das eigene Leben eingelassen. Manches davon ist unerwartet, weil Gott sich uns im Alltag auf sehr verschiedene Weise nähert. Solche Überraschungen sind unbequem und wenn sie nicht im Gebet erfaßt und "bewältigt" werden, verlieren sie ihre Kraft. Oder man entzieht sich der Herausforderung durch eine Flucht in Formeln und Oberflächlichkeit. Die angesprochene "Macht der Gewohnheit" ist eher ein Rückzug aus der Grundhaltung, sich für Gott offen zu halten, als eine (unvermeidbare?) Folge regelmäßigen Betens.

Ein Mensch, der sich nicht offen hält für Gott, wird sich selbst zum Maß, genügt sich selbst und bestimmt allein. Der Grundsatz lautet dann: "Mein Wille geschehe". Wer in solcher Weise nur sich selbst gelten läßt, kapselt sich ein und wird unempfindlich für alles, was um ihn herum vorgeht: für andere Menschen ebenso wie für Gott, wenn er in die Nähe eines Menschen tritt. Umgekehrt setzt der Schwung, mit dem ein Mensch sich auf Gott hin öffnet, neue Kräfte frei. Hoffnungen werden wach, die einen Versuch wagen lassen oder zu einem neuen Anlauf ermutigen; im erneuerten Vertrauen auf Gott gewinnt der Mensch erst den Mut, über das alltägliche, gefährdete und von Rückschritten bedrohte Leben hinauszuwachsen. Die Öffnung auf Gott hin sprengt die Grenzen der eigenen Möglichkeiten und weitet den Blick auf die vielfältigen Spuren Gottes im eigenen Leben, im Leben der Mitmenschen, der Kirche usw. Erst als lebendige Antwort auf Gottes Anspruch findet der Mensch zu seinen tiefsten Möglichkeiten. Vor diesem Hintergrund kann man sagen, daß es beim Gebet nicht um ein Tun geht. Ein Mensch, der sich offen hält für Gott, ist Gebet!

Um den skizzierten Unterschied auszuloten, ist es sehr wichtig, wie der Briefschreiber das eigene Beten zu beobachten und wahrzunehmen. Komme nur "Ich" in Form von Bitten für mich selbst vor? Haben andere mit ihren Sorgen und Nöten einen angemessenen Platz? Spüre ich in Frage und Antwort, im Dialog mit Gott, seinem Handeln nach? Kann ich Gott die Initiative überlassen, d.h. ihm betend Raum geben, ohne ihn auf bestimmte "Ergebnisse" festzulegen?

Die Antworten auf diese oder ähnliche Fragen werden gemischt ausfallen. Dennoch mag das betrachtende Nachdenken über die Gestalt des eigenen Betens hilfreich sein, das eigentliche Ziel zu erfassen. Der Hl. Augustinus umschreibt es ausgehend vom Psalmvers "Ich suchte nach dem Herrn, und er erhörte mich" (Ps 33,5) so: "Es heißt nicht: Ich suchte dies und jenes vom Herrn, und er erhörte mich. Eines ist, etwas vom Herrn zu suchen; ein anderes ist, ihn, den Herrn zu suchen. Also wollen wir nicht etwas vom Herrn suchen, außerhalb des Herrn, sondern den Herrn selbst suche, und er wird dich erhören. Noch während du redest, spricht er: 'Siehe, da bin ich! Was immer ich dir gebe, es ist geringer als ich. Mich selbst habe, mich habe zur
Frucht, mich umfange!' (...) Und deine Freude wird niemand von dir wegnehmen, weil du nach dem Herrn suchtest und er dich erhörte.

Du Liebe, Du Gott, Du bist mein kostbarster Besitz;
außer Dir erhoffe ich nichts, außer Dir will ich nichts,
außer Dir besitze ich nichts.
Du bist mein wahres Erbteil, Du meine Sehnsucht.
Du bist mein Ziel, zu dem ich voller Erwartung strebe.

Gertrud von Helfta

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