Die Bergpredigt - Bauplan für ein Paradies
auf Erden?
In einem Brief steht zu lesen, daß es bereits
ein Paradies auf Erden gäbe, wenn nur eine kleine Mehrheit
von Menschen versuchen würde, nach der "christlichen Theorie"
der Bergpredigt zu leben. Ein solches Lebensprogramm würde
nach Meinung des Briefschreibers tiefere Spuren hinterlassen als
ein Glaube, der an Elend, Not und Ungerechtigkeit im Grunde doch
nichts ändert. Der Brief spiegelt den tiefen Eindruck, den
die Bergpredigt hinterlassen hat. Er ist aber so konzentriert auf
ihren "abstrakten" Gehalt, daß Jesus Christus keine
erkennbare Rolle spielt. Betroffen macht insbesondere der Satz:
"Wäre es für das Leben -oder besser: das Überleben-
auf diesem Planeten nicht besser, wir würden nicht glauben,
uns also von den anderen Tieren nicht unterscheiden?"
Das Problem scheint mir darin zu wurzeln, daß
die Bergpredigt von Jesus Christus abgelöst wurde. In dieser
Form ist sie nicht mehr Wort Gottes an die Menschen, sondern ein
System von Werten, das im Prinzip jeder hätte aufstellen können.
Es wird übersehen, daß die Seligpreisungen eine Tat Gottes
ankündigen. Gott spricht in ihnen seinen Willens aus, der vielfach
abgeschwächt und nicht mehr ernst genommen wurde. Dieser Wille
ist auf das engste mit Jesus Christus verknüpft. Er verkündete
die Botschaft und hat sie uns vorgelebt. Das über ihn von der
Tempelaristokratie und der römischen Besatzungsmacht verhängte
Todesurteil sollte noch einmal die erklärte Absicht Gottes
durch-kreuzen. Doch Gott setzte seinen Plan in der Auferweckung
Jesu von den Toten endgültig durch. Sein Handeln hat Verheißung
bereits zur lebendigen Wirklichkeit fortgeschrieben.
In der Bergpredigt wird besonders häufig das
Wort vom Himmelreich verwendet. Die Wortwahl des Evangelisten würde
mißverstanden, wollte man das Himmelreich als rein jenseitige
Größe deuten. Diesem Mißverständnis erliegen
nicht wenige, die "Vertröstung" auf eine unbestimmte
Zukunft befürchten. Das Himmelreich oder Reich Gottes ist mit
Jesus Christus in dieser Welt angebrochen, es wächst gleich
einem Senfkorn zu einer Pflanze beeindruckender Größe
und wird von Gott vollendet werden. Weil das Reich Gottes schon
erlebbare, wenn auch gefährdete Wirklichkeit ist, sind die
Seligpreisungen nicht nur Wort, sondern gleichermaßen Tat
Gottes in Jesus Christus. In seiner Nachfolge werden die Seligpreisungen
zum Auftrag an uns. Er soll in dieser Welt von den Glaubenden angenommen
werden; wo das geschieht, wächst das Reich und wird erfahrbar.
Gott behält die Initiative; das bringen besonders die Verheißungen
zum Ausdruck, die niemand aus eigener Kraft den Mitmenschen vermitteln
kann (vgl. Mt 5, 3 ff; z.B. "...gehört das Himmelreich",
"Gott schauen").
Gott vollendet unsere menschlichen Bemühungen,
indem er das Begonnene dauerhaft und groß macht; wo unsere
Bemühungen um Gerechtigkeit Stückwerk bleiben (müssen),
macht er diejenigen satt, die nach ihr hungern und dürsten
(vgl. Mt 5, 6). Dem Evangelientext kann nicht entnommen werden,
der Mensch habe ein "Paradies auf Erden" zu schaffen.
Das Reich Gottes wächst durch das dynamische Ineinandergreifen
von menschlichem Engagement und göttlichem Erbarmen.
Der blinde Fortschrittsglaube, der ohne Gott meinte
auskommen zu können, hat sich als Illusion entpuppt. Er ist
bei manchen einem Fortschritts- oder Kulturpessimismus gewichen,
der sogar eher an den Tieren Maß nehmen würde, als die
mit den menschlichen Fähigkeiten verbundene Verantwortung wahrzunehmen.
Der Mensch hat Vernunft, er kann Gott erkennen und zu ihm in Beziehung
stehen. Unser Menschsein entfaltet sich, wenn wir auch diese Seite
zur Geltung kommen lassen. Die Bergpredigt ist von Wegweisung dazu
durchzogen. Sie führt zu Gott, wenn man sie unverkürzt
ernst nimmt.
Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich
kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.
Mt 5, 21
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