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Versuchungen - vorprogrammiertes Scheitern?

Ein längerer Brief kreist um das Thema Versuchung. Gedankengänge über den Evangelienbericht von der Versuchung Jesu enden in der Frage, warum er überhaupt versucht wurde. Ein gewisser Pessimismus klingt bei den alltäglichen Versuchungen des Menschen an: Man könne ihnen fast nur erliegen, weil sie im Grunde rätselhaft und so vielgestaltig seien.

Der Grund, warum Jesus Versuchungen ausgesetzt war, liegt in seinem Menschsein. Das vierte ökumenische Konzil (451) lehrte dazu: "Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch; (...) er ist uns wesensgleich seiner Menschheit nach, in allem uns gleich, die Sünde ausgenommen". Die Schrift deutet den Zusammenhang zwischen Menschsein und Versuchung behutsam an. Am Ende des langen Fastens in der Wüste hat Jesus Hunger; daran knüpft die erste Versuchung zeitlich und der Sache nach an (vgl. Lk 4, 2 f). Ebensowenig wie von Hunger bleibt ein Mensch von Versuchungen schlechthin unberührt.

Die Antwort Jesu auf die dritte Versuchung lautet: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen" (Lk 4, 12; vgl. Dtn 6, 16). Das ist deshalb verboten, weil es Gott auf die Ebene des Menschen herabziehen und ihn "verfügbar" machen würde. Gott kennt keine Erprobung und keine Versuchung, weil er sich selbst treu ist. "Versuchung" stellt dagegen unsere menschliche Treue zu Gott in Frage.

Jesus ist nicht nur in der Wüste, sondern auch am Kreuz versucht worden. Die Leute verlachten den Gekreuzigten und sagten: "Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist" (vgl. Lk 23, 35). Von den Soldaten und einem Mitgekreuzigten wird Jesus noch zwei weitere Male aufgestachelt, sich selbst zu helfen (vgl. Lk 23, 37 u. 39). Nicht zufällig wiederholt sich die Dreizahl der Versuchungen in der Wüste bzw. am Kreuz. Noch weniger zufällig ist die Wiederholung der Thematik: Sich selbst helfen; beweisen, wer er ist; Machtdemonstrationen, statt Annahme seines Lebens- und Leidensweges. Die Hl. Schrift deckt so das innerste Wesen der Versuchung auf.

Jesus hat nicht nur für uns das Kreuz getragen, er hat auch für uns Versuchungen durchgehalten. Das ist mehr als bloß äußerliche Solidarität. Carlo Martini, der Erzbischof von Mailand, schreibt in einer Meditation: "Jesus hat für uns gesiegt, indem er den rechten Weg wählte und trotz aller Lockungen nicht einen Abweg. Er traf diesen Entscheid, indem er sich aus Liebe zu uns persönlich der Versuchung stellte, um uns zu retten, um sich in uns einwurzeln zu können". Indem Jesus in der Versuchung am Willen des Vaters festhielt und ihm nicht etwa seinen eigenen Willen entgegenstellte, vollbringt er ein erstes Teilstück unserer Erlösung. Damit zeichnet Jesus unseren Weg in seiner Nachfolge vor; wir können mit ihm siegen.

Auch wenn wir uns nicht mit Jesus vergleichen können, sind die Versuchungen, denen wir ausgesetzt sind, dieselben. Es geht um eine "Emanzipation" des "Ich" gegenüber Gott; ein Sich-selbst-helfen (wollen), weil das Vertrauen in Gott brüchig geworden ist; um das Geltendmachen von Vorrechten; um "Machtdemonstrationen" unserer menschlichen Fähigkeiten, die von außen besehen manchmal wirklich eindrucksvoller sein mögen als Gottes stille, liebende Zuwendung. "Versuchung" ist im Kern nicht die Anwandlung, irgendwelche Gesetze zu übertreten;

sie ist nicht vielgestaltig, sondern zeigt immer dasselbe Gesicht. Sie ist so zerstörerisch, weil sie den Menschen aus der Beziehung zu Gott herauslösen will und ihm Standfestigkeit auf eigenen Füßen vorgaukelt. Wie weit kommen wir letztlich damit?

Zum Christsein im Alltag gehört, nicht gewaltsam eigene Wege zu bahnen, sondern wie Jesus den Weg zu gehen, den Gott uns zeigt. Bequem ist dieser Weg nicht. Aber wir kommen auf ihm an.
Ohne Versuchung wird die Sorgfalt Gottes für uns nicht empfunden, das Vertrauen zu ihm nicht erworben, die Weisheit des Geistes nicht gelernt und die Liebe Gottes nicht in der Seele befestigt.

Isaak von Ninive

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