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"Wenn es Gott nicht gäbe..." - Glaubenszweifel

Ein Leserbrief berichtet über die Auseinandersetzung mit meinem Beitrag "Glaubenszweifel". Er habe Stoff zum Nachdenken gegeben; im abschnittsweisen Anwenden auf die eigene Situation seien lange verdrängte Glaubensprobleme zu Tage gekommen. Es freut mich, wenn aus solchen Reaktionen erkennbar wird, daß das eigentliche Anliegen der Beiträge aufgegriffen wurde: Impulse zur eigenen Weiterarbeit, zur Betrachtung und zum Gebet zu geben. In einem Quizspiel mag es eine richtige Antwort für jede Frage geben; im Bereich des geistlichen Lebens führt eine Antwort zur nächsten Frage.

Bei der Briefschreiberin lautet sie: Was kann man tun, wenn Zweifel aufsteigen, ob es Gott gibt? Kurz geantwortet sollte man die Frage wie jede andere behandeln, sie ernst nehmen und im betrachtenden Nachdenken versuchen, die Antwort zu formulieren.

Gott ist nicht beweisbar, aber man kann sich seiner vergewissern. Ich lasse verschiedene theologische und philosophische Ansatzpunkte dazu beiseite, um einen mehr spirituellen Weg zur Sprache zu bringen. Es ist der Weg der eigenen (Glaubens-)Erfahrung. Kann ich mein eigenes Leben deuten, wenn es Gott nicht gäbe? Gibt es unter den vielen gegensätzlichen Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht welche, in denen ich der Nähe und Führung Gottes gewiß war? In geistlichen Gesprächen bin ich immer wieder überrascht, mit welcher Deutlichkeit Menschen trotz Schwierigkeiten mit Glauben und Kirche in einer bestimmten Lebenssituation die Hand Gottes erkannt haben. Vielleicht müssen wir nur neu lernen, unsere eigenen Glaubenserfahrungen rückschauend wahrzunehmen und ihnen zu trauen.

Nicht selten verbirgt sich hinter Glaubenszweifeln an Gott die Befürchtung, einer Illusion aufzusitzen. Solche Ängste werden durch psychologisierende Gemeinplätze genährt: "Gott, das bildest du dir noch nur ein!" oder: "Gott, das ist eine grasse Form von Wunschdenken!" Wie reagieren wir spontan auf solche Nadelstiche? Je nach Temperament vielleicht mit Schweigen, mit Argumenten über die Grenzen der Naturwissenschaften, mit Gegenfragen oder dem ohnmächtigen Eingeständnis, daß man tatsächlich nicht sicher sein könne. Den besseren Weg kann man an einem Beispiel verdeutlichen. Wie unterscheidet man, ob man einen Menschen liebt oder sich das nur einbildet? Man ruft sich ins Gedächtnis, was mit diesem Menschen an Geborgenheit und Tiefe im eigenen Leben fehlen würde, welchen Stellenwert er im eigenen Leben einnimmt und welche Spuren die Begegnung im eigenen Leben hinterlassen haben. Dann steigt die schwer in Worte zu fassende Gewißheit auf: Keine Einbildung, sondern Liebe! Wir gehen im zwischenmenschlichen Bereich den Weg der Vergewisserung aufgrund unserer eigenen Erfahrungen, weil es keinen anderen gibt; warum sollten uns unsere Erfahrungen mit Gott über die Beziehung zu ihm täuschen?

Zweifel, ob es Gott gibt, können auch einen anderen Hintergrund haben. Der Theologe Karl Rahner hat ihn ein wenig provokativ so formuliert: "Gott sei Dank gibt es nicht, was sich 60-80% der Zeitgenossen unter Gott vorstellen". Rahner deutet damit an, daß sich hinter Zweifeln an Gott eigentlich Zweifel daran verbergen können, ob unsere Vorstellung von Gott richtig ist. Diese Zweifel sind tatsächlich oft begründet. Der Grund liegt aber nicht in der Brüchigkeit unseres Glaubens,

sondern in der Größe und Unausschöpflichkeit Gottes. Sie läßt uns an unsere Grenzen stoßen. Sie hält uns in Vorläufigkeiten fest. Damit unsere Gottesbeziehung immer tiefer wird, zerbricht Gott von Zeit zu Zeit unsere zu engen Vorstellungen von ihm, um den Weg zu noch größerer Nähe freizumachen. Das geschieht immer dann, wenn sich Gott uns auf eine neue, bislang unbekannte Weise in unserem geistlichen Leben zu erkennen gibt. Es gilt dann nicht, Zweifel zu überwinden, sondern sich dem Neuen zu öffnen.

Laßt uns dem Leben trauen,
weil wir es nicht allein zu leben haben,
sondern weil Gott es mit uns lebt.

Alfred Delp

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