Entdeckung des "Glücklich-Gen"
- Nimmt die Wissenschaft ihre Verantwortung wahr?
Ein Leser hat mir einen Zeitungsausschnitt übersandt,
der ihn beunruhigt hat. Nach der Artikelschlagzeile haben Forscher
entdeckt, daß ein "Glücklich-Gen" den Menschen
optimistisch mache; die Erbanlagen sorgten mittels chemischer Substanzen
für ein "sonniges Gemüt". Anlaß zur Sorge
gibt die Frage, wie solche Forschungsergebnisse wohl verwendet werden.
Müsse man nicht befürchten, daß jemand auf die Idee
kommt, mithilfe von Genmanipulationen Menschen zu einem dauernden
Glückszustand zu "verhelfen"? Grundsätzlicher
gefaßt stellt sich die Frage nach der ethischen Verantwortung
der Wissenschaft.
Ob die mitgeteilten Forschungsergebnisse seriös
sind, kann ich nicht beurteilen. In der Darstellung schwingen aber
tatsächlich merkwürdige Untertöne mit. Z.B. heißt
es, daß derselbe biochemische Wirkstoff nach einem guten Essen
"oder auch von einer Dosis Kokain freigesetzt werde".
Es zeugt von einer fragwürdigen Einstellung, beides unkommentiert
und wertneutral nebeneinanderzustellen. Dadurch entsteht der Eindruck,
beides sein ein naheliegender Ausweg für Unglückliche,
vom fehlenden Zusammenhang mit den selbstzerstörerischen Folgen
der Flucht in Drogenkonsum einmal ganz abgesehen.
Wissenschaftler forschen nach Tatsachen. Mögen
Forschungsergebnisse als solche weder gut noch böse sein, so
entsteht aus ihnen doch eine grundsätzliche Verantwortung.
Denn mit ihnen kann zum Guten oder Bösen weitergearbeitet werden.
Es hat lange gedauert, bis ein blinder Fortschrittsglaube so brüchig
geworden ist, daß hinter ihm die Notwendigkeit von Grenzen
und von Wahrnehmung ethischer Verantwortung sichtbar geworden sind.
Neue Forschungsergebnisse rufen in vielen Menschen nicht Hoffnung,
sondern Ängste hervor. Man muß sich fragen, welche Schlußfolgerungen
Wissenschaftler aus dieser Tatsache ziehen.
Es gibt Grenzen, die staatliche Gesetze vorgeben. Eine "europäische
Bioethik-Konvention" ist in Arbeit. Solche Elemente sind wichtig.
Die Diskussionen darüber zeigen aber, wie beherrschend die
beteiligten wirtschaftlichen und politischen Interessen sind und
wie schwierig es ist, zu einem Konsens der Werte zu finden. Für
uns Christen stellt dies eine Herausforderung dar, ganz neue Bereiche
christlicher ethischer Verantwortung zu entdecken.
Insbesondere für den Bereich der Gentechnologie
gibt es eine Fülle richtungweisender kirchlicher Aussagen und
Dokumente; sie arbeiten die Grenze zwischen begrüßenswertem
Fortschritt -etwa in der Medizin- und zerstörerischen Eingriffen
in die Personenwürde heraus. Einer breiten christlichen Öffentlichkeit
sind sie leider noch zu wenig bekannt. Einer der Gründe mag
darin liegen, daß Gewissensbildung und ethisches Bewußtsein
noch vorwiegend für das private Umfeld gepflegt werden; grundsätzlichere
Zusammenhänge überlassen viele christlichen Institutionen,
Kommissionen und den Bischöfen. Wahrnehmung von Verantwortung
ist aber nicht nur diesen und den Wissenschaftlern zuzuweisen. Für
den einzelnen Christen könnte sie z.B. darin bestehen, sich
zu informieren und christliches Bewußtsein über anstehende
Probleme -etwa der Gentechnologie- zu bilden.
Christliche ethische Verantwortung wird von
vielen darauf begrenzt, was der Einzelne in seinem persönlichen
Bereich tun bzw. unterlassen kann und soll. Das ist das klassische
Umfeld. Die Herausbildung immer komplexerer Verhältnisse stellen
neue Anforderungen an das gelebte Christsein. Das II. Vatikanische
Konzil hat darauf verwiesen; seither wird davon immer wieder gesprochen.
Es geht um Bereitschaft zum Engagement, um neue Formen, christlichen
Glauben zur Sprache zu bringen und um Mut zur Kritik, wo christliche
Werte unberücksichtigt bleiben. Es scheint manchmal, als ob
sich weite Bereiche ohne Christen und ihren Glauben fortentwickeln.
Dann fehlt etwas. Christliche Verantwortung wahrnehmen kann auch
bedeuten: nicht abseits stehen, sondern sich in Wort und Schrift
einmischen.
Herr der Welt, gib uns einen Blick für die Zeichen
der Zeit und ein klares Urteil gegenüber allem Neuen in unserer
Welt. Gib Mut und Bereitschaft, uns einzusetzen. Zeige uns, wie
wir verantwortlich leben und die Welt mitgestalten können.
nach Gotteslob 31, 3
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