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Ein Gott der Gewalt oder der Liebe?

Ein Bibelleser sucht nach dem rechten Verständnis der alttestamentlichen Erzählung von der Verwerfung König Sauls (1 Sam 15, 1 ff). Es könne doch nicht sein, daß Gott die Vernichtung des Volkes der Amalekiter anordnet und König Saul verwirft, weil er den Befehl nicht vollständig ausgeführt habe. Schließlich sei Gott doch die Liebe selbst.

Die angegebene Stelle sollte gerade wegen ihres schockierenden Inhalts gelesen werden. Zugegebenermaßen gehört sie zu den Textstücken, die ohne ein wenig theologische Hilfestellung ratlos machen können. Eine erste Information vermag bereits Türen zu öffnen. Zur Zeit, als der Text formuliert wurde, gab es das Volk der Amalekiter bereits seit Jahrhunderten nicht mehr; die sog. Vernichtungsweihe ist eine Geschichtsfiktion! Der biblische Schriftsteller bediente sich einer uralten Erinnerung an einen Krieg Sauls und die sog. Vernichtungsweihe, die mit der Landnahme Israels verknüpft ist (vgl. Num 21, 2 f; Jos 6, 16 f). Durch diesen Rückgriff wollte er erklären helfen, wieso der Gesalbte des Herrn, König Saul, von Gott verworfen wurde. Das war das eigentliche Problem.

Wieso konnte überhaupt einmal der Gedanke aufkommen, Gott befehle Vernichtung? Zum einen ist die "Vernichtungsweihe" ein altorientalisches Phänomen, das keineswegs nur in Israel Spuren hinterlassen hat. Der entscheidende Punkt liegt jedoch im Glauben Israels selbst. Die Amalekiter hatten sich Israel in den Weg gestellt, als Gott das Volk aus Ägypten herausführte (vgl. 1 Sam 15, 2). Sie wollten Gottes Willen zur Befreiung Israels durchkreuzen. Wie wird der allmächtige Gott darauf reagieren? Er wird seinen Willen zum Ziel führen, wer sich dem Willen Gottes entgegenstellt, verfällt Gottes Gericht. Genauso selbstverständlich bezieht sich das Neue Testament auf das Gericht Gottes, die Belohnung der Gottesfürchtigen und die jenseitige Bestrafung derer, die ihren eigenen Wegen statt seinen Wegen gefolgt sind (vgl. z.B. Mt 25, 41 ff; Mt 21, 41; Mt 18, 32 ff). Nun kannte aber das frühe Israel kein Jenseits und deshalb auch kein jenseitiges göttliches Gericht; vom Gericht Gottes wurde erwartet, daß es im Diesseits stattfindet! Sprachlich faßte man diese Glaubenserfahrung in die Bilder von Schwert und Feuer, den Symbolen des Krieges.

Das sind die Grundelemente der "Vernichtungsweihe". Sie ist ein diesseitiges Gericht Gottes, eingeleitet durch einen Schuldspruch (vgl. 1 Sam 15, 2), vollstreckt von seinen Beauftragten! Wer sich trotzdem über diese Vorstellung wundert, sei darauf hingewiesen: das Neue Testament bedient sich zuweilen sogar derselben Bilder (vgl. z.B. Mt 7, 19; Mt 22, 7; Mt 13, 30 u. 41 f). Das Gericht Gottes wurde lediglich als jenseitiges erkannt und selbst das nicht ohne Ausnahme: vgl. Mt 23, 34-36!

Spirituell gesehen gibt die Frage Gelegenheit, über unseren Umgang mit der Hl. Schrift nachzudenken. Wir lesen und hören sie in Bruchstücken; eine einzelne Stelle erfaßt jedoch nie, was und wie Gott ist. In zeitlicher Nähe und inhaltlichem Gegensatz zu 1 Sam 15 wurde z.B. Ez 18, 23 abgefaßt: "Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen - Spruch Gottes des Herrn - und nicht vielmehr daran, daß er seine bösen Wege verläßt und so am Leben bleibt?"
Ist Gott denn nicht der Gott der Liebe? Zweifellos, vgl. 1 Joh 4, 8 u. Hos 11,4! Aber er hält den Menschen auch daran fest, wie er auf sein Wort zu hören bereit ist (vgl. Gal 6, 7 f u. Dtn 4, 1).

Er ist der Gerechte (vgl. Mt 7, 2 u. Dtn 32, 4), der Heilige (vgl. 1 Petr 1, 15 u. Dtn 20, 26) usw. Wer die Mühe nicht scheut, die angegebenen Stellen aus AT und NT betrachtend nachzulesen, kann für sein geistliches Leben zweierlei entdecken: Zunächst ist die Hl. Schrift - nach einem Wort des Exegeten E. Zenger - keine Einheit, sondern ein Zusammenhang; kein Text macht einen anderen zu überflüssigem Ballast. Zum anderen kann man darüber nachdenken, ob unser Gottesbild aus dem Reichtum der Hl. Schrift nicht noch an Weite, Tiefe und Offenheit gewinnen kann: Liebe ist keine Einbahnstraße (vgl. 1 Joh 7 ff).

Da sagte Jesus zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.
Lk 24, 25-27

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