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"Richtet nicht" - werdet dem Menschen gerecht!

Die bitteren Erfahrungen eines Briefschreibers dürften viele Menschen betreffen. Im zwischenmenschlichen und beruflichen Bereich wird schnell eingeordnet, beurteilt, abgestempelt und ausgegrenzt. Manchmal wissen die Betroffenen nicht, wie ihnen geschieht. Das Klima um sie herum wird plötzlich kälter; die bedrängende Frage bleibt unbeantwortet, wie sie Tauwetter herbeiführen könnten. Sollte etwa Jesus sein Wort "Richtet nicht" vergeblich gesprochen haben?

Biblisch gesehen kommt dem Thema "richten" große Bedeutung zu (vgl. z.B. Mt 7, 1 ff; Lk 6, 41 ff; Röm 2, 1 ff; Röm 14, 4; 1 Kor 4, 5; Jak 4, 11 f). Das vergleichende und betrachtende Nachlesen der angegebenen Stellen zeigt, daß die grundlegende Weisung Jesu nicht bloß wiederholt wird; sie wird immer eindringlicher in den Lebensalltag übersetzt, ein Zeichen, daß in den Gemeinden der Bedarf nach praktischer Anwendung eher zugenommen hat. Angesprochen ist eine grundlegende Einsicht, die damals wie heute unbequem ist. Im einprägsamen Bildwort vom Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge (Mt 7, 3 f) deckt Jesus auf, wer den größeren Schritt zu machen hat, um dem Menschen gerecht zu werden: nicht der Beurteilte, sondern der (Ver-)Urteilende.

Damit fordert Jesus Selbsterkenntnis ein und drängt darauf, eindeutige Konsequenzen zu ziehen.

Auf der spirituellen Ebene suchten die Kirchenväter nach den Wurzeln des Übels, um den Gläubigen das notwendige Umdenken zu erleichtern. Augustinus schreibt: "Doch viele sind dir nach ihrem Innersten fremd. Sogar bei denen, die du wirklich zu kennen glaubst, bleibt das Kostbarste verborgen; denn es ruht im Geistigen und wird durch keinen Sinn aufgenommen." Mit größtem Einfühlungsvermögen erkennt Augustinus, daß unser Urteil über andere immer von einem äußeren Schein geprägt ist. Es beruht auf Momentaufnahmen, die dem anderen weder das Recht noch die Fähigkeit zubilligen, zu wachsen, zu lernen, umzukehren. Wenig im Blick steht weiterhin die Gefahr, daß der Beurteilende sich irren kann. Schließlich fließen in unsere Urteile immer auch Zweckmäßigkeitsüberlegungen, Erfahrungen und eigene Interessen ein. Nach solchen Maßstäben bestimmen wir sonst die Nützlichkeit einer Sache! Im Urteilen über andere wird der Beurteilte also zum bloßen Objekt.

Das Thema "richten" erfreut sich nicht gerade breiter Beachtung. Es widerspricht Werten unserer Umwelt, denen zufolge wir Wissen, Kompetenz und Überlegenheit zu erwerben und einzusetzen haben. Geschieht dies "ohne Rücksicht auf Verluste" gibt es Opfer, für die sich niemand interessiert. Deshalb möchte ich zum Nachdenken darüber anregen, vielleicht sogar zu einer Gewissenserforschung. Ich tue dies mit einer Stelle aus den Predigten des hl. Johannes Chrysostomos: "Wir beißen einander, wir fressen einander auf, indem wir Unrecht begehen, einander anklagen, verleumden und den Ruhm des Nächsten benagen. Will jemand den Ruf des Nächsten untergraben, so sagt er: 'Dies hat jener von ihm gesagt.' (...) Warum sprichst du davon? Warum verbreitest du das Gerede? Höre einen Weisen, der mahnend spricht: 'Hast du etwas gegen deinen Nächsten gehört, so laß es mit dir sterben; sei versichert, du wirst davon nicht bersten!' (...) Deshalb sollst du, selbst wenn du glaubst, was gegen deinen Bruder gesprochen wird, nicht davon reden, zumal wenn du es nicht glaubst.

Christus sprach: 'Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!' So wollen wir unserem Mund Tür und Riegel geben; denn aus der Schwatzhaftigkeit sind schon unzählige Übel entstanden. Häuser wurden zerstört, Freundschaften zerrissen und zahllose andere Unglücksfälle verursacht. Kümmere dich nicht, Mensch, um die Angelegenheiten des Nächsten! Doch du plauderst gern und hast eben diesen Fehler? Nun, so sage das Gott, was du zu sprechen hast: auf diese Weise wird es nicht mehr zum Nachteil, sondern bringt Nutzen."

Willst du richten, so richte, was dich angeht. Siehst du jemand zornig, erbittert oder etwas Verwerfliches tun, so denke rasch an dich selbst. Dann wirst du jenen nicht streng verurteilen, und dich selbst von der Last der Sünden befreien. Wenn wir unser eigenes Leben so ordnen, wenn wir uns selbst richten, werden wir nicht viel sündigen.

Johannes Chrysostomos

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