Telefon-Beichte?
Eine Leserin möchte wissen, ob es möglich
ist, telefonisch zu beichten. Den Hintergrund ihres Briefs bildet
eine Zeitungsmeldung, in der über ein solches Angebot berichtet
wurde. Die Frage scheint aktuell zu sein; sie ist in der seelsorglichen
Praxis nicht unbekannt.
Neue technische Möglichkeiten führen zu
Überlegungen, ob sie in den Dienst der Verkündigung und
der Glaubensverbreitung gestellt werden können. Christliches
Apostolat, das sich der Medien bedient, leistet unverzichtbare Beiträge
zur Seelsorge, Glaubensinformation oder Kontaktmöglichkeit
mit der Kirche (z.B. Telefonseelsorge). Im Bereich der Computernetzwerke
(Internet) eröffnen sich dazu z.Zt. neue Möglichkeiten
und Chancen.
Von diesem Apostolat ist die Spendung der Sakramente
zu unterscheiden. Beim Sakrament der Eucharistie z.B. ist klar,
daß die Begegnung mit Jesus Christus in der Kommunion in ganz
anderer Weise und viel größerer Intensität stärkt
als es z.B. Fernsehbilder einer Messe vermögen. Beim Sakrament
der Versöhnung scheint das weniger eindeutig zu sein; der Grund
mag sein, daß bei Reue, Bekenntnis, Umkehrbereitschaft und
Vergebung vorrangig das gesprochene Wort im Bewußtsein steht.
Ich halte eine Spendung des Sakraments der Versöhnung
über das Telefon oder über Computertechnik (Internet)
für ebenso unmöglich wie eine Spendung der Taufe oder
Eucharistie auf technischem Weg. Mir sind keine lehramtlichen Äußerungen
zum speziellen Problem bekannt. Selbst wenn es sie gäbe, bliebe
die Frage nach der Begründung.
Die Sakramente sind wirksame Heilszeichen, die eine
gemeinsame Wurzel haben. Sie sind ohne die Kirche nicht denkbar,
d.h. sie entspringen der Kirche als dem "Ursakrament".
Deshalb entfaltet das 2. Vatikanische Konzil die einzelnen Sakramente
im Zusammenhang des sakramentalen Wesens und der Sendung der Kirche.
Nun ist die Kirche eine Gemeinschaft, die sich hingeordnet zu ihrem
Haupt, Jesus Christus, versammelt. Sie bringt als Gemeinschaft das
Lobopfer dar und empfängt von Gott Heilsgaben. Zu dieser Gemeinschaft
gehört die menschlich erfahrbare Beziehung. Sie bildet die
geistliche, aber ebenso wirkliche Beziehung ab, die zwischen Gott
und Mensch gestiftet wurde. Alles, was hinter der Bedeutung dieser
Gemeinschaft zurückbleibt, verdunkelt das Heilsgeschehen.
Deshalb gibt es kein Sakrament, das ohne Anwesenheit
gespendet oder empfangen werden könnte. Diese Anwesenheit kann
sich auf den Sakramentenspender und -empfänger beschränken
(z.B. Taufe, Krankensalbung, Bußsakrament). Sie stellt trotzdem
zeichenhaft dar, daß Gott in den Sakramenten seine Gnade innerhalb
der kirchlichen Gemeinschaft ausgießt. Eine Sakramentenspendung
"mit Fernwirkung" oder technisch vermittelt wäre
dagegen der (zeichenhaften) Gemeinschaft mit Gott und der Kirche
entleert und deshalb ungenügend.
Der eigentliche Spender aller Sakramente ist Jesus
Christus. Im sakramentalen Geschehen wird Christus repräsentiert
vom bevollmächtigten menschlichen Spender, die Kirche ist gegenwärtig
in den Sakramentenempfängern. Diese Repräsentation kann
zu eng und zu weit gesehen werden: zu eng, wenn die Vollmacht des
menschlichen Spenders so in den Mittelpunkt rückt, daß
der eigentliche Spender, Jesus Christus, zum Randphänomen wird;
oder zu weit, indem die Sakramente in eine gebetsweise vermittelte
"direkte" Beziehung zu Gott aufgelöst wird, bei der
das sakramentale Handeln der Kirche nur stört. Am Anfang und
Ende einer Telefon- oder Computerverbindung befinden sich zwei Personen,
die Informationen austauschen.
Sakramente können nicht technisch vermittelt
gespendet werden, weil sie zwangsläufig genauso verzweckt würden.
Das Geschenk der Versöhnung mit Gott ist mehr als die "Löschung"
einer Schuld auf einem anonymen Nummernkonto. Im sakramentalen Geschehen
wird die Beziehung zu Gott erneuert, ein Weg beschritten und die
Kraft geschenkt, ihn zu gehen.
In der Begegnung mit Jesus Christus erfährt der Mensch
den Ruf Gottes und in ihm die Berufung zum Leben in der Gemeinschaft
Jesu Christi. (...) Dort wo er gerade ist, soll er den Ruf hören
und sich von ihm in Anspruch nehmen lassen.
Dietrich Bonhoeffer
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