Frieden auf Erden?
Ein Leser bezieht sich auf das Friedensgebet der Meßfeier,
in dem Jesus zusagt: "Meinen Frieden gebe ich euch". Er
fragt, wann dieser Frieden Christi Wirklichkeit wird und die Konflikte
auf der Erde gewaltfrei gelöst werden. Menschen in vielen Teilen
der Welt werden das Weihnachtsfest unter Kriegsbedingungen oder
auf der Flucht erleben; wie kann man angesichts dieses Leids das
Wort vom "Frieden auf Erden" verstehen?
Wenn in der Bibel von Frieden gesprochen wird, steht
das hebräische Wort "schalom" im Hintergrund. Seine
Grundbedeutung ist "Wohlsein". Es geht um einen positiven
Zustand, der die Abwesenheit von Krieg oder persönlicher Feindschaft
voraussetzt; darüberhinaus schließt er Wohlergehen, Freude
und religiös verstandenes Heil ein. Entsprechend tiefgreifend
werden die Folgen erfahren, wenn "schalom" entbehrt werden
muß. Der Prophet Jeremia klagt: "Den Schaden meines Volkes
möchten sie leichthin heilen, indem sie rufen: Heil, Heil!
Aber kein Heil ist da (Jer 6,14).
Im Lukasevangelium wird die Geburt Jesu mit den Worten
ausgelegt: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf
Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade" (Lk 2, 14).
Das ist wie eine Antwort auf die Klage des Propheten Jeremia. Jetzt
ist das Heil da. Es ist in Jesus Christus zur Welt gekommen. Das
Heil, der Friede, ruht auf den "Menschen seiner Gnade".
Das sind die Menschen, die Gott die Ehre geben. "Die Bedingung
des wahren Friedens ist also, daß der Mensch Gott die Ehre
gibt. Ja, es ist dieser Friede selbst, daß der Mensch Gott
die Ehre gibt, weil er dadurch aus dem tödlichen Zwang befreit
wird, in allem, was er tut, letztlich sich selbst bestätigen,
seine Gerechtigkeit aufrichten, seine Ehre suchen zu müssen"
(Schmithals, Lukaskommentar, zur Stelle 2, 14).
Das Friedensgebet der Meßfeier zitiert Joh
14, 27. Dem Friedensvermächtnis Christi an seine Jünger
folgt der Satz: "Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt,
gebe ich euch". Die "Welt" hat zwar auch ihren Frieden;
sie hat ihre eigene Weise, Frieden zu machen oder ihn zu garantieren,
notfalls mit Waffengewalt; es bleibt beständige Aufgabe der
"Welt", in ihrem Bereich um Frieden besorgt zu sein und
sich dafür einzusetzen. Dieser Friede ist trotzdem vom Frieden
Jesu verschieden, weil er zu einem anderen Bereich gehört.
Jesus schenkt einen Frieden, der nicht von dieser Welt ist, sehr
wohl aber in dieser Welt anwesend ist. Sein Ort ist die Gemeinde
der Glaubenden, wenn sie sich durch das Wort Jesu leiten läßt.
Von ihr aus kann er durch alle Anfechtungen und Gefährdungen
in die Welt hineinwirken und für Suchende zum überzeugenden
Kennzeichen fruchtbarer Gottesbeziehung werden.
Frieden als göttliche Gabe bedarf der bereiten Aufnahme durch
die Glaubenden. Er beginnt unter ihnen. Zugleich ist diese Gabe
Auftrag, sich für den Frieden einzusetzen, wo immer er fehlt.
Dadurch legen Christen Zeugnis für Christus und den von ihm
gespendeten umfassenden Frieden der Heilszeit ab. Wie kann dieser
Auftrag wahrgenommen werden? Indem die übrigen Kennzeichen
des messianischen Reiches in den Alltag übersetzt werden, allen
voran die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit sucht nicht nach "Siegen"
oder "Entwaffnung" mittels überlegener Macht. Gerechtigkeit
ist bemüht, die Wurzel der Konflikte aus dem Boden zu ziehen:
Übervorteilung, Unterdrückung, Ängste,
Ausgrenzung usw. Der Patron unserer Dominikanerprovinz,
der Hl. Albert von Lauingen, hat dem Frieden so gedient. In seinen
berühmten Schiedssprüchen sorgte er für gerechten
Interessenausgleich, mit dem alle Parteien zufrieden sein konnten.
Dadurch wurde zugleich der Blick frei auf Gott, den Geber alles
Guten. Offensichtlich hängt Frieden weniger von Konferenzen
oder Truppen ab, als vielmehr davon, daß er "gestiftet"
wird (vgl. Mt 5, 9), indem aus einer tiefen Christusbeziehung heraus
nach gerechtem Interessenausgleich gesucht wird. Das gilt im Großen
zwischen Erdteilen oder Völkern und im kleinen zwischen einzelnen
Menschen.
Bahnt eine Straße, ebnet den Weg, entfernt die Hindernisse
auf dem Weg meines Volkes! Als Heiliger wohne ich in der Höhe,
aber ich bin auch bei den Zerschlagenen und Bedrückten (...).
Friede, Friede den Fernen und den Nahen, spricht der Herr, ich werde
sie heilen.
Jesaja 57, 14 f.19.
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