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Das Spiel mit der Angst - Endzeitprophetien zur Jahrtausendwende

In einem Heft, das mir ein Leser zugesandt hat, bemüht sich ein Erweckungsprediger, seiner Botschaft Gehör zu verschaffen. Er rechnet für das Jahr 2000 mit der Wiederkunft Christi.

Dahinter steht eine Zahlenspekulation, die angeblich auf der Hl. Schrift beruht. Den Leser interessiert, ob das Datum der Wiederkunft Christi tatsächlich der Bibel zu entnehmen ist und was es mit dem Begriff "Endzeit" auf sich hat.
Vor jedem Weihnachtsfest wird Christbaumschmuck verkauft; ebenso sicher häufen sich zum Ende von Kalenderperioden Endzeit- oder Untergangsprophetien. Empfindsam veranlagte Menschen geraten darüber leicht in Angst. So geht es dem Autor des Heftes erklärtermaßen "darum, den einzigen Weg aufzuzeigen, wie wir dem hereinbrechenden Verderben entfliehen können".

Dieser Weg scheint ohne das leichtfertige Schüren von Ängsten nicht begehbar zu sein. Jesus hat nicht so gehandelt und auch die Grundstimmung in der Hl. Schrift ist anders! Die Offenbarung des Johannes z.B. endet mit dem sehnsüchtigen Ruf: "Komm, Herr Jesus" und mit einem Segenswunsch (Offb 22, 20f)! Über die Wiederkunft Christi heißt es Lk 21, 28: "Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe." Diese Worte bergen Hoffnung, nicht Gründe zur Angst.
Die vorgetragene "Berechnung" des Termins der Wiederkunft Christi ist abwegig.

Das 7-Tage-Schema des ersten Schöpfungsberichts (Gen 1) wird willkürlich mit 2 Petr 3,8 und Ps 90, 4 verknüpft, wonach vor Gott ein Tag wie 1000 Jahre ist. Dieser aus dem Textzusammenhang gerissene Grundgedanke wird so lange mit weiteren Bibelbruchstücken gepreßt, bis ein Termin für die Wiederkunft Christi im Jahr 2000 herauskommt. Einen unfreiwilligen Beitrag zur Komik leistet der Autor mit seiner "Auslegung" von Dan 2, 36 ff; dort ist von vier aufeinanderfolgenden Reichen die Rede, nach deren Ende Gott ein Reich errichtet. Das vierte dieser Reiche identifiziert er mit dem Römischen Reich, das er von "30 v. Chr. bis Ende der jetzigen Zivilisation" reichen läßt. Da sich seit Ende des Römerreichs bis heute einiges getan hat, findet der Autor folgende elegante Lösung: "Es entsteht ein gesamteuropäisches Haus, in dem alle Platz haben sollen ...

Damit erhebt sich das Römische Reich ... neu vor unseren Augen." Dazu paßt ihm, daß das vereinte Europa auf den sog. Römischen Verträgen beruht. Dagegen wird eine im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi wirklich wichtige Stelle nur angedeutet, dann beiseite geschoben: "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater" (Mk 13, 32).

Der zentrale Begriff, der einen angstfreien Zugang zu den letzten Dingen eröffnet, ist "Endzeit". "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn ..." (Hebr 1,1f). Das heißt: die Endzeit steht nicht bevor, sie ist seit der Menschwerdung des Sohnes Gottes im Gang (vgl. Apg 2,15ff; 1 Kor 10,11; 1 Petr 4,7; 1 Joh 2,18). Wir sind der "Endzeit" nicht hilflos ausgeliefert, sondern in ihr Gott nahegekommen, weil er uns entgegengekommen ist. Durch den Glauben und die Sakramente besteht eine Beziehung zu Christus, an der wir uns festhalten können, was
auch geschieht: "Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, jetzt ist er da, der Tag der Rettung" (2 Kor 6,2). Mit einem Seitenblick auf das Johannesevangelium (vgl. Joh 5,24f; 6,40.47; 8,51) betet die Kirche in der Präfation von Weihnachten III: "Einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen: dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterbliche Menschen empfangen in Christus dein göttliches Leben". Dieses Leben ist geistliche Gabe Gottes und als solche Aufgabe. Sie wird erfüllt im Bemühen um immer tiefere Bindung an Christus.

Jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie er heilig ist.
1 Joh 3, 2f

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