"Ihr werdet meine Zeugen sein" -
Glaubenszeugnisse
Mehrere Briefe handeln von Enttäuschungen und
beklagen Widersprüchlichkeiten, die die christliche Botschaft
wenig anziehend machen. Der Grundton ist eher pessimistisch; trotz
aller Anstrengungen seien keine Erfolge feststellbar, wie sie die
Apostel mit ihrer Verkündigung erzielt haben. Die Berechtigung
mancher Klagen könnte man bezweifeln. Mehr beschäftigt
hat mich aber der Hinweis auf die Apostel. Tatsächlich werden
an manchen Stellen des Neuen Testaments die Erfolge hervorgehoben
(z.B. Apg 2, 41). Andererseits bleibt das Bild uneinheitlich: die
Verkündigung der Frohen Botschaft begegnet Ratlosigkeit und
Spott (vgl. Apg 2, 12); Rückschläge und Verfolgung werden
nicht verschwiegen. Warum ist totzdem die Grundstimmung so optimistisch?
Die Antwort scheint mir in Apg 1, 8 zu liegen: "Aber
ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch
herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem
und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde".
Das Stichwort "Zeuge sein" greift auf Lk 24, 48 zurück
und stellt eine der Klammern zwischen Lk und Apg dar. Im juristischen
Sinn ist jemand Zeuge, der selbst etwas gesehen oder gehört
hat und davon als einer Tatsache berichten kann. Dieser Sinn von
"Zeuge sein" schwingt sicher in den angegebenen Stellen
mit; die Apostel, die Jesu Weg, Wort und Tat selbst miterlebt haben,
verbürgen die Authentizität der Überlieferung von
Jesus. Das kann aber nicht alles sein. Denn zum einen ist diese
Seite von Zeugenschaft nicht nur für die Apostel typisch (vgl.
Apg 1, 21f); zum anderen bedürfte es nicht des besonderen Beistands
des Heiligen Geistes, um glaubwürdig darzutun, daß Jesus
dies oder jenes gesagt oder getan hat.
"Zeuge sein" hat noch eine weitere Facette.
Es geht darum, daß die Apostel Jesus besonders intensiv erlebt
haben; seine Person, sein Wort und sein Tun hat sie nicht unberührt
gelassen wie irgendeinen unbeteiligten Zuschauer, sondern all das
hat tiefe Spuren in ihrem eigenen Leben hinterlassen. Diese Spuren
deuten zu lernen ist Wirken des Heiligen Geistes. Wenn die Apostel
von Jesus Zeugnis geben, berichten sie deshalb nicht nur über
Jesus, sondern auch über sich selbst in der Begegnung mit ihm.
Der Optimismus apostolischer Verkündigung beruht letztlich
darauf, daß sie die umwandelnde Kraft der Begegnung mit Jesus
als Betroffene erfahren haben und weitergeben können.
Die Möglichkeit, das von Jesus Gehörte
oder bei ihm Gesehene unmittelbar weiterzugeben, ist mit dem Tod
der letzten Zeugen erloschen. Im Heiligen Geist lebt aber die andere
Seite der Zeugenschaft ungebrochen fort, nämlich in jedem,
der im eigenen Leben etwas von Jesus erfahren hat und über
diese Spuren im eigenen Leben mit anderen spricht. Man kann viel
über Jesus und die Hl. Schrift gelesen oder studiert haben.
Der Schritt vom Bericht darüber zum Zeugnis setzt voraus, dies
mit selbst Erlebtem zu verknüpfen, zu deuten und als Ganzes
weiterzugeben.
Spirituell gesehen beginnt "Zeuge sein"
mit einem prüfenden Blick auf das eigene Leben. Gott hinterläßt
darin Spuren: Erfahrungen seiner Nähe, seines Erbarmens, seiner
Führung, seiner Hilfe, seines Trostes, seiner Vergebung usw.
Diese Spuren gilt es wahrzunehmen, anhand der Hl. Schrift oder der
Schriften geistlicher Lehrer als solche wiederzuerkennen oder auf
andere Weise im Licht des Heiligen Geistes zu deuten. Diese Vergewisserung
ist eine wichtige geistliche Übung. Sie führt von Worten
wie "Erbarmen", "Liebe", "Befreiung",
"Zuwendung" usw. zur Entdeckung von Lebens-Erfahrungen;
sie vermitteln zugleich Optimismus für die Zukunft; denn Gott
wird im eigenen Leben auch künftig Spuren hinterlassen und
zwar immer tiefere. "Zeuge sein" vermittelt Erlebtes.
Das ist auch für andere wichtig, glaubwürdig und anziehend.
Folglich sind wir auch Zeugen für die von uns selbst gemachte
Erfahrung, daß in der Auferstehung, die wir in uns wahrnehmen
und auch beständig um uns herum erleben, Christus der Auferstandene
lebt. Sonst sind wir nicht Zeugen für all das, sondern nur
für einiges, und laufen Gefahr, uns als Verkünder eines
Wortes von einst zu fühlen, statt Zeugen für das zu sein,
was wir selbst hier und jetzt erleben.
Erzbischof Carlo Martini
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