Jesus und Johannes der Täufer - Schüler
und Lehrer?
Ein Teilnehmer an einer Vortragsveranstaltung
hat dort gehört, daß Jesus ein Schüler Johannes
des Täufers gewesen sei. Er fragt, ob dies den Evangelien oder
den in Qumran gefundenen Texten zu entnehmen sei.
Tatsächlich wird von manchen ein Lehrer-Schüler-Verhältnis
zwischen Johannes und Jesus angenommen. Zur Begründung werden
eine Reihe von Indizien ins Feld geführt. Ein Argument, das
die interessierten Leser leicht nachvollziehen können, steht
in Joh 3, 22ff zu lesen. Dort ist eindeutig von einer Tauftätigkeit
Jesu die Rede! Diese Taufe kann jedoch nicht die christliche Taufe
gewesen sein, weil letztere ein nachösterliches Handeln der
Kirche im Auftrag Jesu ist und ihre tiefste Bedeutung von Tod, Begräbnis
und Auferstehung Jesu erhält (vgl. Röm 6, 3f). Deshalb
scheint nur die Möglichkeit zu bleiben, daß Jesus die
Taufe des Johannes gespendet habe.
Einige angesehene Bibelforscher nehmen statt dessen eine Taufe eigener
Art an, die Jesus gespendet habe. Sie müssen jedoch eine Antwort
schuldig bleiben, welchen Sinn dieses Handeln Jesu gehabt hat, warum
er es eingestellt hat und warum es keine Spuren in seiner Predigt,
im Handeln der Jünger und der Kirche hinterlassen hat.
Solche Fragen und Auslegungsprobleme geben
Raum für Versuche, sie mithilfe der Schriften zu lösen,
die am Toten Meer in Qumran gefunden wurden. Welche Motive diese
Versuche auch bestimmt haben mögen: die Identifizierung von
Johannes dem Täufer und Jesus mit zweien in Qumran-Texten erwähnten
Gestalten ist schlagend wiederlegt. Die Qumran-Texte erhellen das
geistig-religiöse Umfeld einer Umbruchszeit. Direkte Zusammenhänge
mit Johannes dem Täufer, Jesus oder den frühesten Christen
bestehen jedoch nicht.
Die Frage, ob Jesus Schüler Johannes des
Täufers war, läßt sich nicht mit der angegebenen
Stelle Joh 3, 22 ff (und der ähnlichen Stelle Joh 4, 1 ff)
beantworten. Man muß vielmehr die Tatsache einbeziehen, daß
die Predigt des Johannes und die Botschaft Jesu wesentliche Unterschiede
aufweisen. Johannes "verkündigte Umkehr und Taufe zur
Vergebung der Sünden" (Mk 1,4); Jesus verkündete:
"Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt
um und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15). Der Ruf zur Umkehr
ist beiden gemeinsam; die Verkündung des Reiches Gottes ist
aber charakteristisch für die Predigt Jesu. War die Taufspendung
besondere prophetische Zeichenhandlung des Johannes, so wird nun
der Glauben an die Frohbotschaft Jesu Christi entscheidend.
Jesus hat sich von Johannes taufen lassen und
damit die Bedeutung des Propheten Johannes und seiner Botschaft
bestätigt; Jesus hat Johannes höchste Anerkennung gezollt
(vgl. Mt 11, 7-11). Dennoch ist sein Evangelium völlig eigenständig
und nicht von der Botschaft des Johannes ableitbar. Das ist kein
Lehrer-Schüler-Verhältnis im angesprochenen Sinn. Mag
der Kontakt zwischen Johannes und Jesus auch intensiver gewesen
sein, als es die knappen Notizen der Evangelien überliefern:
Das Neue der Botschaft Jesu veranlaßt Täuferjünger,
zu Jüngern Jesu zu werden (vgl. Joh 1, 35 ff). Bedenkt man
das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Jesus und seinen
Jüngern, wird der Unterschied zum Verhältnis zwischen
Johannes und Jesus in aller Deutlichkeit greifbar.
Die Frage und mein Antwortversuch könnten
dazu anregen, die Johannes den Täufer betreffenden Stellen
der Evangelien nachzuschlagen und zusammenhängend zu lesen;
das Stichwortverzeichnis der meisten Bibelübersetzungen hilft
dabei. Im Lesen und Meditieren der Texte entdeckt man, daß
die Begegnung von Johannes und Jesus weit mehr Facetten hat, als
das bekannte Schema Vorläufer/ Messias. Darin liegen mögliche
Zugänge zur eigenen Umkehrbereitschaft und zum Wachstum im
Glauben an das Evangelium.
Das ganze Volk, das Johannes hörte, selbst die Zöllner,
sie alle haben den Willen Gottes anerkannt und sich von Johannes
taufen lassen. Doch die Pharisäer und die Gesetzeslehrer haben
den Willen Gottes mißachtet und sich von Johannes nicht taufen
lassen.
Lk 7, 29 f
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