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Heilsgeschichte?

Einen Gesprächspartner stört der Begriff "Heilsgeschichte". Er sieht darin eine Verharmlosung; die vielen Opfer im Verlauf der Geschichte, auch der Kirchengeschichte, würden aus dem Blickwinkel verdrängt.

"Heilsgeschichte" umschreibt nicht den Versuch, eine "heile Geschichte" zu konstruieren. Er bringt vielmehr einen wichtigen Gesichtspunkt der biblischen Botschaft zur Sprache. Es geht um die Tatsache, daß Gott in der Geschichte handelt und sich in ihr offenbart. Von besonderer Tragweite war die Exoduserfahrung des Volkes Israel. Die Herausführung aus Ägypten nimmt in der Hl. Schrift, in Bekenntnis und Kult breiten Raum ein. Die Stelle Dtn 26, 5-10 ist ein anschauliches Beispiel dafür. Auch die Verkündigung der Propheten ist stark von einem heilsgeschichtlichen Denken geprägt. Wendepunkte menschlicher Geschichte werden als Anknüpfungspunkte gezeigt, an denen Gottes Handeln erfahrbar wird (vgl. z.B. Jes 7, 5-7); wichtige geschichtliche Erfahrungen können zum Anfang neuer Verheißungen werden (vgl. Jes 43, 1 ff: Heimführung aus dem Exil als 2. Exodus). Die prophetische Botschaft steht wie andere Schriften des Alten Testaments fest im Glauben an die Lenkung der Geschichte durch Gott (vgl. Jes 43, 19; 1 Kön 19, 15 f). An diesen Beispielen wird zugleich eine wichtige Grenze des Wortes "Heilsgeschichte" deutlich: Gottes Handeln in der Geschichte erschöpft sich nicht in einem für jeden erkennbaren Geschehen; es bedarf der Deutung! Die meisten Stellen der Hl. Schrift vereinigen Ereignis und diese Deutung.

Vor allem soll "Heilsgeschichte" stichwortartig zusammenfassen, daß in Jesus Christus das verheißene Heil angebrochen ist, auch wenn seine Vollendung noch aussteht. In vielen Anläufen wird das Neue in Jesus Christus durch Hinweise auf Geschichte und Zeit hervorgehoben (vgl. z.B. Lk 10, 23; Hebr. 1, 1 f). In einigen Reden der Apg sind beide Gesichtspunkte verknüpft: das Heilswirken Jesu, sein Tod und seine Auferweckung werden als Höhepunkt des Handelns Gottes in der Geschichte Israels und als Erfüllung früherer Verheißungen dargelegt. Wer einen leicht verständlichen Zugang zu dieser Bedeutung von "Heilsgeschichte" in der Schrift sucht, kann ihn in einer der Stellen Apg 3, 18 ff; 7, 1 ff; 13, 16 ff finden und nachlesen.

Heilsgeschichte spielt keineswegs nur in der Vergangenheit. Aus dem Anbruch des Heils in Jesus Christus wächst vielmehr die Hoffnung, daß die noch ausstehende Heilsvollendung ebenfalls von Gott herbeigeführt wird. Bis dahin bleiben Unglauben, Sünde, Unrecht und Leid (lebens-) geschichtliche Wirklichkeit; kein Mensch kann behaupten, daß es dies in seinem Leben nicht gäbe. Was für die die Erfahrungen des Einzelnen gilt, trifft auch im größeren Rahmen zu! "Heilsgeschichte" verharmlost nichts, sondern deckt den Kontrast zwischen Heilshandeln Gottes und der "Unheilsgeschichte" aus menschlicher Zurückweisung Gottes auf.

Eine Auseinandersetzung mit dem biblischen Gesichtspunkt "Heilsgeschichte" lohnt sich, denn sie zeigt eine Aufgabe. Die Spannung zwischen Teilerfüllung und erhoffter Vollendung gibt zunächst all denen einen Platz in der Heilsgeschichte, die in dieser Spannung stehen. Das sind alle Menschen. Der Kreis ist so weit, weil mit der Schöpfung die Heilsgeschichte begonnen
hat und alle Menschen dem Schöpfer ihr Leben und ihr Dasein verdanken. Wenn die Kirche Christus als Herrn der Geschichte und Herrn der ganzen Welt bekennt, bringt sie den Glauben zum Ausdruck, daß grundsätzlich kein Mensch von der Zuwendung Gottes ausgeschlossen ist. Diejenigen, die ihr Leben auf Gott bauen, antworten auf ihre Erwählung durch ihn. Sie bilden innerhalb der Menschheitsfamilie das Volk Gottes. Als Volk Gottes haben wir einen wichtigen Auftrag: immer mehr Menschen an Gott zu erinnern!

Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.

Gotteslob Nr. 157

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