War das letzte Abendmahl Jesu
ein alttestamentliches
Paschamahl?
Die Frage tauchte in einem Bibelkreis auf. Dabei kamen Bücher
zur Sprache, in denen dargelegt wird, dass der Ablauf des
letzten Abendmahls Jesu weitgehend mit dem des
alttestamentlichen Paschamahles übereinstimmt. Dies weckte
bei
einigen die Befürchtung, das Besondere und Unüberbietbare
bei
der Stiftung der Eucharistie durch Jesus Christus könnte
verkürzt werden.
Die Frage wird auf zweifache Weise beantwortet.
Eine Gruppe von Autoren geht davon aus, dass das letzte Abendmahl
ein
Paschamahl war (vgl. z.B. Mt 26, 17f). Sie verweisen auf eine
ganze
Reihe von Parallelen im Ablauf beider Mähler: die Feier am
Abend,
die Verwendung von Brot und Wein, die Brechung des Brotes,
Lobgesang
usw.
Soweit ich erkennen kann versäumt keiner der betreffenden
Autoren
darauf hinzuweisen, dass vor allem Jesu Wort über das Brot und
den
Kelch ganz einzigartig sind und von daher das ganze Festmahl
einen
neuen Charakter erhält.
Der jüdische Religionswissenschaftler Ben-Chorin etwa
schreibt:
"...dass in vier zentralen Punkten ein bewusstes Abweichen
oder
Um-Interpretation dieses (des Pascha-) Rituals beim letzten
Abendmahl erfolgt". Eine andere Gruppe von Forschern lehnt es
ab, im
letzten Abendmahl eine Paschafeier zu sehen. Sie begründen dies
u.a.
mit dem Schweigen der Evangelien über wesentliche Feierelemente
wie
dem Essen des Paschalamms und der Bitterkräuter, dem
Festzeitpunkt
usw. Keiner der Forscher, die diese Meinung vertreten, kann
umhin,
eine bedeutsame Verwandtschaft zwischen dem Ablauf des letzten
Abendmahls und dem Pascharitual hervorzuheben.
Der Dogmatiker G. L. Müller etwa schreibt: "Das Abschiedsmahl
steht
im Zusammenhang mit der Feier des Paschamahls; es ... greift Grundzüge
des Paschamahls auf. Innerhalb dieses Mahles stiftet Jesus
etwas
ganz Neues, indem er dem Eröffnungsritus und dem Abschlussritus
einen
neuen Sinn unterlegt".
Sieht man von wissenschaftlich interessanten Details ab, ist
der
Unterschied zwischen beiden Meinungen nicht so groß, wie man
annehmen könnte. Wie vieles in der Verkündigung und im Handeln
Jesu
vollzieht sich auch das letzte Abendmahl vor dem
alttestamentlichen
Hintergrund und ist von daher zu deuten. Zugleich ist
festzustellen,
dass Jesus unter Inanspruchnahme einzigartiger Vollmacht Neues
stiftet, indem er eine Tradition oder ein Geschehen an sich
persönlich bindet.
Das letzte Abendmahl und die Stiftung der Eucharistie ist ein
Geschehen unerhörter Dichte, Tragweite und Tiefe. Vieles muss
in
diesem Rahmen unerwähnt bleiben. Entsprechend der Leserfrage möchte
ich einige der alttestamentlichen Bezüge hervorheben. Ziel
dessen
ist, zum Nachdenken, zum Nachlesen der angegebenen Bibelstellen
und
zum Betrachten anzuregen.
Die Feier des Paschamahls wie des letzten Abendmahls steht unter
dem
Leitmotiv der Mahlgemeinschaft. Alttestamentlich gesehen ist
die
gemeinschaftliche Erinnerung an die rettende Herausführung
des
Volkes Israels aus Ägypten durch Gott entscheidend; sie diente
nicht
der persönlichen Befreiung einzelner aus der Knechtschaft,
sondern
der entscheidenden Formung aller Betroffenen zu Gottes Volk,
war
also zukunftsorientiert. Die Eucharistiefeier hängt mit der
Mahlgemeinschaft Jesu mit den Armen, Sündern und Ausgestoßenen
zusammen (vgl. Mk 2, 16.19).
Sie verbindet sehr unterschiedliche Menschen mit Jesus Christus
und
damit untereinander. Diese Gemeinschaft erschöpft sich nicht
im
"Jetzt" oder in einem äußerlichen Gemeinschaftsgefühl,
sondern
verweist auf das endzeitliche Hochzeitsmahl (vgl. z.B. Mt 8, 11;
22,
1-14), in dem diese Gemeinschaft dauerhaft und unbeeinträchtigt
sein
wird.
Die Feier des letzten Abendmahls greift das alttestamentliche
Heilswort des Bundes auf und verknüpft dessen Gehalt unlösbar
mit
der Person Jesu Christi: "Dieser Kelch ist der Neue Bund in
meinem
Blut, das für euch vergossen wird" (Lk 22, 20; vgl. Ex 24, 8;
Jer
31, 31).
Paulus verknüpft die Heilsbedeutung des Todes Jesu am Kreuz mit
dem
Ritus des Paschafestes, insb. dem Paschalamm: "Schafft den
alten
Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon
ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus
geschlachtet worden" (1 Kor 5, 7; vgl. Ex 12, 15.19; Ex 12,
21).
Wie Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu gewandelt werden, so
vertraut die Kirche auf die umgestaltende Kraft der Eucharistie
und
betet: "Herr, unser Gott, dieses heilige Sakrament tilge
unsere
Schuld und gewähre uns deinen Schutz. Es entreiße uns der
Gleichgültigkeit und erwecke in uns einen lebendigen Glauben."
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